Der größte Fehler: „Ab ins Bett, morgen ist Schule“

Interview mit dem Marburger Schlafforscher Werner Cassel zu Schlafstörungen bei Kindern und Jugendlichen

Guter Schlaf ist längst keine Selbstverständlichkeit mehr, sagt Diplom-Psychologe Werner Cassel im Interview mit der Oberhessischen Presse. Auch nicht bei Kindern und Jugendlichen – rund 20 Prozent sollen unter Schlafstörungen leiden.

von Claudia Brandau

Der größte Fehler: „Ab ins Bett, morgen ist Schule“

OP: Wie kommt denn diese erschreckende Zahl zustande?

Werner Cassel: Durch die moderne Lebensumwelt. Denn die ist komplett anders als noch vor 100 Jahren.

OP: Damals war es abends aber doch auch dunkel und man ging ins Bett und schlief …

Cassel: Und genau das ist der Unterschied. Damals war es abends auch in den Gebäuden recht dunkel. Heute haben wir oft abendlichen Lichtüberschuss. Wir haben viele helle Lampen in den Zimmern, schauen auf den Fernsehbildschirm, auf beleuchtete Displays – das alles bringt unsere innere Uhr durcheinander. Und macht das Einschlafen schwer.

OP: Wie? Eine helle Wohnzimmerlampe hält Kinder auf Trab?

Cassel: Ja. Niemand würde Kindern abends eine Cola erlauben – die meisten aber sind sich nicht bewusst, dass zu viel Licht denselben Effekt haben kann. Viele Menschen wundern sich, dass sie nach dem Fernsehnickerchen am Abend im Bett schlecht einschlafen können. Dazu trägt oft das Zähneputzen im meist sehr hellen Badezimmer bei, das nachweisbar die Produktion des Schlafhormons Melatonin stört.

OP: Also was sollten Eltern tun?

Cassel: Abends für eher warme, nicht zu helle Lichtquellen sorgen. Zum Beispiel orangefarbenes Nachtlicht im Kinderzimmer. Und dann sollten sie ganz klar feste Ruhezeiten vorgeben.

OP: Meinen Sie jetzt Ruhezeiten oder Schlafensgehzeiten?

Cassel: Ganz klar Ruhezeiten! Schlafen kann man nicht befehlen. Der Schlaf kommt von selbst, und ihm sollte eine Ruhephase vorangehen. In dieser Ruhephase sollte man kleinen Kindern erst eine Geschichte vorlesen, um den Geist zu beruhigen. Und dann dem Kind noch ein bisschen Zeit geben. Es kann sich dann bei Bedarf noch allein im Bett bei wenig Licht mit altmodischen Dingen wie Büchern oder Spielzeug beschäftigen, bis es einschläft. Mit allem, aber keinesfalls mit dem Smartphone oder Laptop.

OP: Oder Hörbücher hören?

Cassel: Oder Hörbücher hören. Geschichten helfen oft sehr gut beim Zur-Ruhe-Kommen.

OP: Oder Entspannungs-CDs.

Cassel: Nein, lieber nicht! Geben Sie solche CDs niemals Kindern. Denn die lernen so vor allem eines: Dass selbst der Schlaf nicht von alleine kommt, dass man etwas für ihn tun muss. So wird Schlaf mit Stress verbunden und man programmiert im schlechtesten Fall eine Schlafstörung.

OP: Meine Güte. Aber es erfolgt doch in bester Absicht.

Cassel: Ja. Es ist auch immer beste Absicht, wenn Eltern bei jedem Raunen oder Räuspern, das sie übers Babyphone hören, ins Zimmer eilen und das Kind, das vielleicht gerade wieder am Wegdösen war, wecken. Ich rufe damit nicht zur Vernachlässigung auf – nur dazu, zu überlegen, ob das Kind Sie wirklich braucht oder nicht. Aber wissen Sie, welchen Fehler Eltern am häufigsten machen?

OP: Nein. Welchen denn?

Cassel: Sie sagen dem Kind: „So, es ist Zeit, du musst schlafen, morgen ist ja Schule.“ Mit dem Wort „müssen“ baut man Druck auf – und Schlafen wird zum Stress.

OP: Also sollte man das Wort Schlafen gar nicht benutzen?

Cassel: Ja, wirklich, das sollte man eher lassen. Denn schlafen hat viel mit loslassen zu tun: Sobald man um den Schlaf kämpfen muss, läuft etwas falsch.

OP: Viele Schüler müssen ja mehr mit dem Aufstehen als mit dem Einschlafen kämpfen.

Cassel: Grundschüler nicht, das sind tendenziell Morgentypen, die die Eltern gerne morgens um 5 wecken. Mit 12, 13, da verschiebt sich der Rhythmus, da wäre es besser, die Schule würde erst um 9 beginnen. Studien haben bewiesen: Mit dem späteren Unterrichtsbeginn steigen die Leistungen bei Teenagern.

OP: Aber auch die müssen schlafen. Es heißt ja immer, dass man im Schlaf lernt.

Cassel: Das stimmt tatsächlich. Kinder lernen in der Schule, aber das Speichern der Inhalte findet im Schlaf statt. Das Hirn sortiert nachts das Gelernte. Im Tiefschlaf werden Vokabeln gespeichert, im Traumschlaf komplexe Zusammenhänge gelernt. Also ist der Schlaf ganz wichtig für Schüler. Und damit geraten wir auch in den paradoxen Bereich. Fürs Lernen ist der Schlaf ganz wichtig – aber noch wichtiger ist es, ihn nicht herbeizuzwingen.

OP: Was soll man machen, damit Kinder gerne ins Bett gehen?

Cassel: Sie tagsüber rausschicken. Früher hat man gesagt, an die frische Luft. Aber die ist es nicht, die den Effekt bringt. Sondern das Licht. Man kann nachts vor allem gut schlafen, wenn man tagsüber viel Licht hatte.

OP: Also muss man Kindern sagen: „Los, mach dich mal raus ans helle Licht, damit du heute Abend gut schläfst?“

Cassel: Nein, so bitte nicht! Dann geben Sie dem Kind gegenüber dem Schlaf schon wieder viel zu viel Bedeutung! Man kann zum Beispiel sagen: „Los, raus, das ist gesund!“ Denn helles Licht am Tage verbessert auch die Stimmung. Und abends dann dafür sorgen, dass auf das helle Tageslicht eine dunkle warme Abendbeleuchtung folgt. Dann tickt die innere Uhr genau richtig.


Zur Person:
Werner Cassel ist Diplom-Psychologe, 58 Jahre alt, verheiratet und lebt in Ebsdorfergrund-Beltershausen. Cassel ist wissenschaftlicher Angestellter im Universitätsklinikum Gießen-Marburg und in der schlafmedizinischen Patientenversorgung tätig. Dazu gehört auch die verhaltensmedizinische Beratung von Patienten mit Ein- und Durchschlafstörungen.


(Quelle: Oberhessische Presse, 13. März 2017, S. 2; Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung)

Back to Top

Magazin auswählen

Magazin 143 Magazin 143
Magazin 142 Magazin 142
Magazin 141 Magazin 141
Magazin 140 Magazin 140
Magazin 139 Magazin 139
Magazin 138 Magazin 138
Magazin 137 Magazin 137
Magazin 136 Magazin 136
Magazin 135 Magazin 135
Magazin 134 Magazin 134